Felix Klopotek: Zukunftsstaat, Sozialisierung, Arbeitszeitrechnung

Felix Klopotek hat uns dankenswerterweise eine bereinigte Abschrift seines im Januar gehaltenen Vortrags zur Verfügung gestellt. Gerne veröffentlichen wir hiermit den Text. Eine pdf-Version findet sich hier.


Zukunftsstaat, Sozialisierung, Arbeitszeitrechnung

Die „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“ im historischen Kontext

Vortrag von Felix Klopotek am 6.1.2022 im Museum des Kapitalismus/Berlin

Editiorische Notiz: Bereinigte Abschrift eines unter dem ursprünglichen Titel Zur Ökonomie einer herrschaftsbefreiten Gesellschaft“ frei gehaltenen Vortrags. Anakoluthe wurden getilgt, Zitate berichtigt, eindeutige Bezüge zu Themen und Personen hergestellt, Literaturhinweise ergänzt. Inhaltliche Ergänzungen wurden nicht vorgenommen. Der mündliche Charakter wurde gewahrt. FK, Köln 17.6.2022

Von meiner Seite vielen Dank an die Initiative für die Einladung und auch an das Museum des Kapitalismus für die Möglichkeit in, na ja, immer noch oder jetzt wieder bedrückenden und außergewöhnlichen Umständen auftreten zu können. Ich habe natürlich, wie das halt immer so ist, viel zu viel mitgebracht. Ich habe das aber in so zwei große Kuchenhälften aufgeteilt. Das heißt, ich gucke einfach mal nach der ersten Hälfte, wo wir stehen, und dann können wir da den Schnitt machen, da kann man auch schon auf erste Fragen reagieren und wenn’s wirklich irgendwie den Rahmen sprengt, zeitlich, dann kann man vielleicht nach der Hälfte auch Schluss machen.

Ich rücke das Thema zunächst ein wenig weg vom Rätekommunismus und stelle dieses Buch „Grundprinzipien kommunistische Produktion und Verteilung“ in einen anderen Kontext. Es geht also jetzt nicht so sehr um die Einbindung dieser Schrift in die Entwicklung rätekommunistischen Denkens, sondern um einen anderen Strang. Vielleicht sogar einen Strang, der jetzt im Moment oder in dieser Gegenwart ein bisschen aktueller ist, scheinbar ein bisschen aktueller ist.

Ich komme aus Köln, und Köln, also viele Städte, Großstädte Westdeutschlands haben ja so ihre 68er-Persönlichkeiten hervorgebracht. Rudi Dutschke assoziiert man mit Berlin, und diese marxistische Gruppe, Karl Held, die ist irgendwie in München oder Nürnberg konzentriert, oder nehmen wir Karl-Heinz Roth in Hamburg. Also, vielleicht haben diese Städte einen Denkstil hervorgebracht. Köln ist aber tatsächlich keine besonders theoriefreudige Stadt, bis heute nicht. War es auch nie. Aber wenn es einen Theoretiker gibt, den man herausheben könnte oder sollte, dann wäre das Klaus Novy. Der ist wahrscheinlich nicht mehr bekannt. Wobei ich aber vermute, dass Novy und seine Schriften gute Chancen haben, wiederentdeckt zu werden. Ich glaube, Novy ist 1991 gestorben, hat also nur recht kurz gelebt, wurde sechsundvierzig, siebenundvierzig Jahre alt, und was ihn interessant und ihn auch so typisch für Köln oder für einen Kölner linken Denkstil macht: Er ist vom theoretischen Anspruch, vielleicht auch von seiner Gesellschaftsvision her, nicht besonders radikal. Er war immer sehr am Machbaren, an der Reform, am jetzt Umsetzbaren interessiert. Aber er hatte immer auch ein großes Interesse an, sage ich mal, radikalen Praktiken. Und so war er eigentlich in den siebziger Jahren, einer der Ersten – da war er wirklich noch ziemlich jung – einer der Ersten, die sich intensiv mit Selbstverwaltung, mit alternativer Ökonomie auseinandergesetzt haben, die damals aufblühte. Was zum Beispiel hier in Berlin zu diesem TUNIX-Kongress 1978 geführt hat, den wir als Startschuss für die Alternativkultur kennen. Es ging da nicht mehr um eine sozialistische oder marxistische oder maoistische Strömung, sondern um eine grundsätzliche Autonomie als Alternative zum herrschenden Regime, um die Möglichkeiten, den Ausstieg auszuloten. Zum Beispiel in selbstverwaltete Betriebe, aber auch in – und das macht Novy interessant – in neue Arten des Wohnens: Also, wie lässt sich eigentlich sozialer Wohnungsbau von unten genossenschaftlich gestalten. Dazu hat Novy wohl sehr viel publiziert. In dem Zuge, dass sich heute immer mehr Menschen die Frage stellen, wie das Leben in einer Großstadt selbstverwaltet organisiert werden kann, bin ich mir ziemlich sicher, dass irgendwann wieder jemand auf ihn stoßen wird.

Das alles hat tatsächlich mit diesen „Grundprinzipien“, mit Rätekommunismus zu tun und mit dem heutigen Abend, deshalb habe ich Novy so ausführlich eingeführt. Weil ich mich im Folgenden stark auf Forschungen von ihm stützen werde und es unredlich wäre, wenn ich so tun würde, als hätte ich mir das alles selber ausgedacht. Er hat eine sehr umfassende und wie ich finde ganz hervorragende, ja enzyklopädisch zu nutzende Studie über die Sozialisierungsdebatte der zwanziger und dreißiger Jahre, bis 1933, wo sie gewaltsam abbricht – abbrechen muss –, geschrieben. Wenn man sich diese Sozialisierungsdebatte anschaut, mit ihren Vorläuferdebatten, die tatsächlich bis in die Zeit von Marx und Engels zurückreichen, dann ist es ein riesiger Korpus an Schriften, aber auch an realer Bewegung, an Versuchen der Umsetzung, die in der Tat ziemlich einmalig sind. Das Überraschende oder vielleicht: wenig Überraschende ist, dass es alles vergessen und heute unbekannt ist. Tatsächlich finden sich aber dort, in diesen unterschiedlichen Facetten der Sozialisierungsdebatte, fast alle Fragen wieder, die heute diskutiert werden und heute natürlich stark ideologisch verformt sind – und stark ideologisch verformt wieder auf die politische Tagesordnung gesetzt werden. In diesen ursprünglichen Debattenzusammenhang sind die „Grundprinzipien kommunistische Produktion und Verteilung“ zu stellen. Als ich mein Buch zur Einführung in den Rätekommunismus geschrieben habe, war mir dieser Kontext gar nicht so bewusst, obwohl er natürlich in den „Grundprinzipien“ mitgedacht wird. Dieses Buch reagiert ja auf eine reale Sozialisierungsdebatte. Es ist gerade keine Studienarbeit gewesen und kein Boheme-Projekt, sondern es reagiert auf drängende, damals aktuelle Fragen. Das war mir schon bewusst – aber nicht bewusst war mir das tatsächliche Ausmaß und die Verästelungen dieser Debatte. Und da für viele, die jetzt hier seid, die Auseinandersetzung mit diesen „Grundprinzipien“ oder mit Rätekommunismus vielleicht was Neues ist oder was relativ Unbekanntes, habe ich mir gedacht, dass ich diesen Kontext gerne mal ein wenig – und das ist die erste Hälfte meines Vortrags – vorstellen möchte. Das führt gar nicht so sehr ein in das eigentliche Thema ein, das eigentliche Problem der „Grundprinzipien“ – oder vielleicht eben doch.

Novy – wie gesagt, ich stütze mich da auf seine Recherchen – macht verschiedene Etappen in dieser großen Sozialisierungsdebatte aus. Die erste Etappe ist die sogenannte Zukunftsstaatsdebatte, die sich zwischen 1890 und 1914 entspinnt, wo eine ganze Reihe von Entwürfen vorgelegt werden, alle nicht aus einem marxistischen Kontext: Wie so etwas wie ein sozialer Staat – der Sozialstaat, den wir heute kennen, ist was anderes als das – aussehen könnte. Da gibt’s also eine ganze Reihe von wirklich groß angelegten Schriften, die so ein bisschen dieses Auspinseln praktizieren, die auch sehr kleinteilig verästelt sind. Die zweite Etappe – und hier sehen wir schon die Verwobenheit dieser Debatte immer auch mit einer Entwicklung im Kapital – ist die Kriegswirtschaftsdebatte zwischen 1914 und 1918. Geführt wurde sie von Gewerkschaftern und eher rechten, nationalistischen Sozialdemokraten, im Austausch mit der obersten Heeresleitung, auch mit visionären Managern des Kapitals, Walter Rathenau zum Beispiel: dass eine moderne Wirtschaft, die imperialistischen Ansprüchen gerecht wird, nicht nach einer freien Marktwirtschaft organisiert werden kann, sondern im Grunde genommen so etwas wie einen Kriegssozialismus oder einen nationalen Sozialismus – und die Polemik, die damit verbunden ist, ist beabsichtigt – konstituieren muss, aufbauen muss. So kommt es 1916 zu Absprachen zwischen Gewerkschaften, Vertretern der Kriegsindustrie und der obersten Heeresleitung, solche industriellen Umstrukturierungsmaßnahmen konkret in Angriff zu nehmen. Es gab aber auch, ich sage mal: linkere Leute, die darin nicht nur ein rein imperialistisches, kriegerisches, militaristisches Projekt gesehen haben, sondern sie haben darin Hoffnungen gesehen, dass unter zukünftigen politischen Bedingungen die Arbeiterklasse, die Früchte, die Weichenstellung der Wirtschaft weg von einer Marktwirtschaft hin zu einer organisierten, einer geplanten Wirtschaft, ernten könnte. Die Dialektik bringt das halt immer mit sich, dass in dieser Debatten links und rechts nicht eindeutig zu trennen sind.

Es folgt darauf die Sozialisierungsdebatte im engeren Sinne. Das sind die Jahre 1918 bis 1920, die natürlich ganz eng an die Revolution – wenn man es so nennen will – an die Revolution in Deutschland gekoppelt ist. Durch den verlorenen Krieg und auch durch die zuvor jahrzehntelange stattgefundene Ausgrenzung der organisierten Arbeiterbewegung hat sich in den Augen der Öffentlichkeit das Kapital dermaßen blamiert, dass eigentlich jetzt die Zeit reif ist – ja, für was genau? Dass sozialisiert werden muss! Aber was meint das? Es liegen keinerlei wirkliche Konzepte vor, die das genauer skizzieren. Es gibt diese spontanen Versuche von unten, sehr sehr vereinzelt, von Betriebsbesetzungen. 1919 gibt’s in Deutschland eine Generalstreikbewegung, endlich ein bisschen was anderes, aber erst mal ist alles noch sehr vereinzelt, sehr tastend, und in dieser Zeit sprießen dutzende Broschüren, Bücher, Thesen aus dem Diskurs hervor, die alle eine Sozialisierung der Wirtschaft fordern und Maßnahmen vorschlagen. Es gibt auch eine Sozialisierungskommission für den Kohlebergbau, die vom – jetzt kann ich was Falsches sagen, aber so ungefähr muss man sich das vorstellen – vom Rat der Volksbeauftragten einberufen wird, also eine sehr offizielle Kommission. Hauptsächlich diskutiert sie, die Schlüsselindustrie zu vergesellschaften. In ihr finden sich illustre Leute wieder, zum Beispiel Karl Korsch, auf den ich gleich etwas näher eingehe, der später über verschiedene Stationen der Radikalisierung zu einem großen Mentoren des Rätekommunismus wird. Aber das ist in den 1930er, 40er Jahren, 1919 ist Karl Korsch eher noch ein sozialdemokratisch orientierter junger Mann.

Da sagt zum Beispiel in dieser Sozialisierungskommission einer der Vordenker, ein Philosoph und Ökonom namens Robert Wilbrandt, einen interessanten Satz, der zeigt, in welche Richtung die Diskussion geht, er sagt: Sozialist kann nur sein, wer nicht Marxist ist.

Er formuliert hier eine doppelte Abgrenzung. Auf der einen Seite spielt er auf den Marxismus der Sozialdemokratie an, der vor allen Dingen durch Karl Kautsky verkörpert wird, und es ist ja tatsächlich ein Marxismus der historischen Notwendigkeit, des Heranreifens. Man kann festhalten, dass in dieser Geschichtstheorie, wie sie später exemplarisch Korsch kritisieren wird, der subjektive Faktor, die Möglichkeit des aktiven Eingreifens, immer geringer, immer kleiner wird, und eigentlich besteht die Aufgabe der Partei, für die Karl Kautsky denkt, nur darin, die ganze Zeit zu bremsen, die ganze Zeit die Arbeiter, Arbeiterinnen vor überschießenden Vorstellungen der Revolutionierung abzuhalten. Dagegen polemisiert Robert Willbrandt. Andererseits will er sich von denen abgrenzen, vor denen die ganze Sozialisierungskommission Angst hat, nämlich die Bolschewisten, die strenggenommen radikal antiökonomisch denken, aber den Marxismus für sich beanspruchen. Die Bolschewisten sagen, wenn wir die Revolution gemacht haben, dann existiert für uns der Sachzwang nicht mehr. Dann haben wir Freiheit, zu schalten und zu verwalten, wie wir wollen. Wir haben die politische Macht, und die Ökonomie wird – das wird in ihren Schriften, die damals erscheinen, ganz deutlich – durch die Brille der politischen Macht betrachtet. Das ist in einer wichtigen Schrift von Bucharin, der damals als der führende Theoretiker der Bolschewiki gilt, sehr deutlich, oder auch in populären Broschüren von Karl Radek, sozusagen der Deutschland-Beauftragte der Bolschewiki, der als solcher die Rolle eines Scharniers zwischen Berlin und Moskau einnimmt. Von diesem Reduktionismus oder dieser Antiökonomie möchten sich die Leute in der Sozialisierungskommission auch abgrenzen. Und tatsächlich gibt es keine interessanten kommunistischen Stimmen in dieser Sozialisierungsdebatte, weil sie halt konsequent davon ausgehen, dass sich das alles finden wird, wenn sie die politische Macht errungen haben.

Wir reden von dieser Zeit 1918, –19, –20. Die Pamphlete sind aus diesem Revolutionsschwung heraus zu verstehen. Der revolutionäre Schwung versiegt aber 1920, 1921. Das ist das letzte Jahr in Deutschland mit Revolutionsversuchen, in Mitteldeutschland finden noch die Märzkämpfe statt. Die Sozialisierungsdebatte wird danach abgelöst durch eine etwas abstraktere Debatte, eine Debatte, in der sich vor allem die Gegenseite einklinkt, Klaus Novy bezeichnet das als die Wirtschaftsrechnungsdebatte, und in diese Wirtschaftsrechnungsdebatte gehören auch die „Grundprinzipien“ hinein.

Es sind die Neoliberalen, die diese Debatte eröffnen, oder die, die sich später Neoliberalen nennen werden, das ist ein bisschen was anderes als das, was wir heute darunter verstehen. Aber es gibt schon die Kontinuität zu heutigem neoliberalen Denken. Sie formulieren ein Unmöglichkeitstheorem, das uns heute noch in einer Millionen Varianten präsentiert wird. Es geht davon aus, dass nur das private, absolut dezentralisierte Eigentum an den Produktionsmitteln eine freie Preisbildung garantieren kann, die ausschließlich auf dem Markt stattfindet. Letztendlich führt diese Frage der Preisbildung zur angeblich maßgeblichen Endnachfragerinformation, und über diese Endnachfrageinformation ist dann der Verteilungsmechanismus der Ressourcen gegeben gemäß Angebot und Nachfrage. Sie wollen also zeigen, dass eine angebliche Überrationalisierung der Ökonomie ihr Gegenteil erzeugt, weil sie sich der Preisermittlung auf dem freien Markt beraubt. Diese Preisermittlung setzen sie gleich mit der Setzung gesellschaftlicher Prioritäten. Max Weber hat die Kritik so ausgedrückt, „dass das, was als eine höhere Form der Rationalität angepriesen wird, die bewusste Koordination der individuellen Handlungen, die technische Grundlage der Rationalität, den objektiven Maßstab zum Scheitern bringt“. Denn: die unsichtbare Hand, die sich dann auf dem Markt als sehr ordnend erweist, die habt ihr ja abgeschafft!

Diese Wirtschaftsrechnungsdebatte zerfließt ebenso wie der freien Markt wenig überraschend in der Krise von 1929, sie wird abgelöst durch eine kurze Planwirtschaftsdebatte, was nichts anderes heißt, dass auch in Kreisen des Kapitals und kapital-affirmativer Denker wieder massiv über Wirtschaftslenkungen nachgedacht wird. Man ist irgendwie ein bisschen neidisch auf die angeblich großen Erfolge des ersten Fünf-Jahres-Plan in der Sowjetunion, man ist aber auch neidisch auf Mussolini, der ebenfalls planwirtschaftliche Elemente einführt. Die Erfolge beider Regimes werden recht vorurteilsfrei und offen von bürgerlichen Leuten in ihre Kalküle und Überlegungen einbezogen. Der Bruch schließlich ist brutal und kommt mit den Nazis 1933, die zwar nach wie vor planwirtschaftliche Elemente verfolgen und interessiert Richtung Stalin, Mussolini, aber auch in Richtung New Deal in den USA blicken – es gibt da ein kleines Buch von einem Historiker, Wolfgang Schievelbusch, der hat diese gemeinsamen Koordinaten von Faschismus, New Deal und Stalinismus mal herausgearbeitet. Aber ich habe diese Etappen ja genannt immer unter der Bedingung, dass sich darin jeweils ein reales Interesse der Arbeiterbewegung artikuliert, und die wird natürlich nach 1933 verboten und terroristisch verfolgt. Es gibt nochmal eine Wiederkehr dieser Sozialisierungsdebatten, unter wieder ungünstigen Bedingungen, nach 1945. Das sind letztendlich die Prozesse, die dazu führen, dass zum Beispiel so etwas wie ein Enteignungsparagraphen im Grundgesetz steht. Damals hat es zaghafte Versuche gegeben, im Westen zu sozialisieren. Es gibt aber auch durchaus interessante Versuche in der Anlaufphase des Stalinismus, Neostalinismus, in der späteren DDR, so rund um die Gründung der DDR, von unten zu sozialisieren, die spätestens in dem forcierten „Aufbau des Sozialismus“ ab 1952 sämtlich abrasiert werden, was der SED dann am berühmten 17. Juni um die Ohren fliegt.

Naja, und mit einem großen Sprung landen wir tatsächlich in den 70er Jahren, wo wir die Alternativökonomie, die Selbstverwaltungswelle haben. Heute hat das so einen komischen Namen: Transformations-Design, man nennt es auch System Change oder Great Re-Set, was mittlerweile eher paranoid besetzt ist. Ich denke, dass wir wieder an einer Schwelle stehen, wo viele Ideen, die Klaus Novy referiert, in den nächsten Jahren wieder zu Sprache kommen werden, und ich denke, dass es interessant ist, wenn man als Kommunistin, Sozialistin sich in dieser Debatte auskennt, in dieser historischen Debatte, und in der Lage ist, die jeweiligen Ideen auf die Gegenwart und die Zukunft zu beziehen, weil die Frage der Sozialisierung wieder relevant wird.

Wir sind noch nicht bei den „Grundprinzipien“. Aber man muss sich diesen historischen Kontext wirklich klar machen, denn wenn man das Buch liest, ist man, so ging’s zum Beispiel mir, als ich zum ersten Mal vor 20 Jahren darauf gestoßen bin, erstmal abgestoßen, weil es eine so trockene Materie ist und weil’s auch direkt in medias res geht. Es ist recht schwer, sich da so einen Leseweg zu erarbeiten. Ich habe einen solchen ausführlich in dem entsprechenden Kapitel in der Rätekommunismus-Einführung skizziert. Hermann Lueer hat das offensichtlich auch gemacht, seinen Vorschlag habe ich jetzt aber nicht gelesen. Es ist wirklich ratsam, sich einen Leseweg zurechtzulegenauch wenn natürlich der Text an sich gut verständlich ist, ja, aber es fehlt einem trotzdem so ein bisschen der Überbau, der Sinn dahinter, und deshalb nehme ich einen etwas längeren Anlauf.

Dieser ganze Sozialisierungsfrage und damit letztlich die Frage der Kontrolle über unsere Arbeitszeit, überhaupt über unseren Arbeitseinsatz und die Verteilung unserer Arbeitskraft, kann man unter einer Spannung sehen, die diejenige zwischen Allgemeinwohl und Privatinteresse ist. Ich weiß, dass, wenn heute das Allgemeinwohl zitiert wird in linken Kreisen, man sofort die Ideologiekritikpolizei an den Hacken hat, denn wie kann es ein Allgemeinwohl im Kapitalismus geben! Doch, kann es geben, in gewisser Hinsicht, und man könnte diesen Begriff dialektisch retten, weil – und das spielt für die „Grundprinzipien“ eine große Rolle – es Tendenzen im Kapitalismus gibt, die über ihn hinausweisen, die im Grunde genommen Verkehrsformen, Austauschbeziehungen, auch eine Entwicklung der Produktivkräfte setzen, die über die unmittelbare Verwertung hinausreichen. In diesem Sinne kann man sagen, dass die Aufgaben der Linken immer die Verteidigung der Gesellschaft gegen das Kapital oder gegen kapitalistische Interessen ist.

Eine kleine Anekdote: Der Ausdruck Kapitalismus ist ja relativ spät erst eingeführt worden und gar nicht so sehr bei Marx und Engels prominent. Er kommt bei ihnen vor, aber erst später. Sie reden ja von der kapitalistischen Produktionsweise. Das heißt, sie reden von einer Produktionsweise, die in der Gesellschaft wirkt, und machen da immanent oder bewusst unbewusst diese Differenz zwischen Gesellschaft und Produktionsweise auf. Erst da, wo diese Produktionsweise zu ihrer reinen Herrschaft gelangt ist, da spricht man dann wirklich von Kapitalismus, eine Rede, in der die Gesellschaft als ganzes und die Produktionsweise in ihr miteinander identifiziert werden – was bei Marx und Engels gar nicht so ausgemacht war. Die Rede vom Kapitalismus kommt durch diesen interessanten Ökonomen Sombart auf, der hat diesen Begriff nicht erfunden natürlich, aber populär und gebräuchlich gemacht.

In dem Sinne kann man auch für die Sozialisierungsdebatte diese Spannung von Allgemeinwohl und Privatinteresse konstatieren. Diese Spannung treibt die bürgerliche Gesellschaft von Anfang an um. Es gibt ein Zitat, das wird dem Rousseau, also wie sind jetzt ganz kurz im 18. Jahrhundert, zugeschrieben, der gesagt haben soll, nur der Überfluss der Lebensmittel darf Gegenstand des Handels sein, das Notwendige gehört allen. Aus solchen Sätzen speist sich dann auch ganz stark der Frühsozialismus. Da gibt’s zum Beispiel eine sehr interessante Maxime von einem Fourier-Schüler, auch einem Teilnehmer der 48er Revolution, später noch Teilnehmer der Pariser Commune. Der heißt Victor Considerant. Der hat als eine seiner Leitforderung ausgegeben: Jedem nach seiner Arbeit, allen das Unentbehrliche. Damit ist der Grundgedanke gesetzt, der diese Zukunftsstaatsdebatte, die Sozialisierungsdebatte wesentlich antreibt und die von niemandem so klar formuliert wurde, wie von einem Erfinder und Ingenieur namens Josef Popper (1838-1921), tatsächlich ein Onkel des berüchtigten, positivistischen Philosophen Karl Popper. Josef Popper hatte irgendwie die materielle Möglichkeiten, dank seiner einträglichen Erfindungen, ziemlich viel nachzudenken, und hat den Zukunftsstaatsentwurf geschrieben, der am stärksten in diese Sozialisierungsdebatte hineinragt, also dort auch wirklich zu operationalisieren versucht wird. Er gehört in die Ahnenreihe, die zu den „Grundprinzipien“ führt. Es muss ein interessanter Typ gewesen sein, er hat auch Literatur geschrieben, Einstein hat sich seiner Freundschaft mit Josef Popper gerühmt, er hat viel über Träume geschrieben, so dass Freud gesagt hat, Popper sei ein wichtiger Einfluss für seine Traumbedeutung gewesen. Popper stammt aus dem assimilierten Judentum, hat auch über Antisemitismus geschrieben. Wenn man so will, eine der letzten Vertreter der Aufklärung, ein wirklich ganz bemerkenswerter Einzelgänger, der so um 1910, 1915,1920 herum von Zionisten entdeckt wurde – unter dem Gesichtspunkt: Wenn wir schon die Chance haben, dass wir uns unseren eigenen Staat aufbauen, dann nach dem Prinzipien von Josef Popper. Was für Prinzipien? Sein Grundprinzip ist, dass er das Verhältnis von Einzelnem und Gesellschaft auf den Kopf stellt. Also nicht die Frage, die vor 100 Jahren, als man noch nicht so hedonistisch verzogen war, klar die zentrale war: Was können wir für den Staat, was können wir für die Gemeinschaft tun? Sondern er hat als oberste Maxime gesetzt, dass die Gemeinschaft für den Einzelnen da sein muss. Sie muss dem Einzelnen das Existenzminimum garantieren. Er hat das Verhältnis umgedreht, den Einzelnen in den Mittelpunkt gestellt und hat davon ausgehend, von dieser Umkehrung des Spannungsverhältnisses Individuum-Gesellschaft, sozialpolitische Notwendigkeiten formuliert. Seine Hauptschrift hat einen etwas eigenartigen Titel, „Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage“. Popper geht von der Möglichkeit einer kollektiven Bedarfsgruppierung aus. Das heißt, es ist möglich im, heute würden wir sagen: gesellschaftlichen Diskurs den kollektiven Bedarf einer Gesellschaft zu definieren. Das betrifft zunächst die Nährpflicht. Die Frage der anständigen Ernährung und Versorgung mit Lebensmitteln war damals viel drängender. Das betrifft die Wohnungsfrage, die Erziehung, Krankheits- und Altersvorsorge. Es geht noch weiter, es betrifft auch so etwas wie Kleidung. Kurz, es geht um einen Katalog kollektiver Bedürfnisse, die bei aller Unterschiedlichkeit der Menschen allen gemeinsam sind. Dieser Bereich, der diesen kollektiven Bedarf produziert, das ist der allgemeine Bereich, der jeglichem Marktgeschehen, auch jeglicher politischer Konjunktur enthoben ist. Es wird von einem eigenen unabhängigen Ministerium verwaltet, das direkt per Plebiszit – vor 120 Jahren wäre das eine große Neuerung gewesen – bestimmt wird.

Er nannte das auch die sozialisierte Pflichtwirtschaft, die muss diese Fürsorge garantieren, und wie garantiert sie das? Durch eine allgemeine Arbeitspflicht, die alle Mitglieder der Gesellschaft betrifft. Auch das ist eine alte Idee der Frühsozialisten. Marx spricht, glaube ich, im Kommunistischen Manifest vom Arbeitszwang, diesen Begriff gibt es auch bei anderen Frühsozialisten, und Popper hat ihn im Grunde genommen ein bisschen expliziert, ausgebreitet und hat tatsächlich ganz genau errechnet, dass es eine Arbeitsdienstpflicht von 37 Jahren gibt: vom 18. Lebensjahr bis zum 55.. Er hat auch, es ist, wie gesagt, noch die Zeit, wo man die Utopien gerne ausgepinselt hat, alles genau differenziert. Er geht von einer Übergangszeit aus, die der Zukunftsstaat zu seiner Entfaltung braucht: 80 bis 100 Jahre, in diesem Zeitraum reduziert sich die Arbeitsdienstpflicht von 37 auf 13 Jahren. Was wir nach diesen 37 Jahren oder später dann 13 machen, ist uns freigestellt. Popper kennt durchaus freie Privatwirtschaft, die ist für die Luxusgüter zuständig. Wenn man etwas schickere Klamotten möchte, wenn man Bücher möchte, ein Fortbewegungsmittel, um in den Urlaub zu fahren oder so: Da soll es einen uneingeschränkten Bereich geben, für den die Marktwirtschaft gilt und der für diese Luxusgüterproduktion zuständig ist, der sich im Laufe der Jahre vergrößern wird, denn die Arbeitsdienstpflicht verringert sich ja von 37 Jahren auf 13. Das heißt also, jemand mit 31 Jahren könnte sich irgendwelchen Ideen hingeben und Fortbewegungsmittel erfinden und verkaufen. Zentral ist, dass diese sozialisierte Pflichtwirtschaft nach den Naturalprinzip funktioniert. Es gibt dort keinen Geldtausch, sondern wir kriegen die Sachen nach unseren Bedürfnissen zugeteilt, die kollektiv ermittelt werden.

Popper hatte insofern einen starken Einfluss auf die Sozialisierungsdebatte, weil es einen gewitzten Österreicher gab namens Otto Neurath, gegen den die Holländer in den „Grundprinzipien kommunistische Produktion und Verteilung“ (die gilt auch als „Holländerschrift“, warum die so genannt wird, dazu sage ich gleich was) polemisieren, ziemlich harsch. Ich habe mir diese Polemik auch zu eigen gemacht, das ist aber ein bisschen unfair gegenüber Otto Neurath. Ein interessanter, äußerst vielschichtig denkender Mensch, der zum Beispiel auch am Anfang dieses Museums für Kapitalismus steht, weil Neurath Ende der Zwanziger Jahre diese aufklärerische Bildsprache, Piktogramme, zu Darstellung sozialer Prozesse, Ungleichheiten und so weiter entwickelt hat und 1925 in Wien, nun, nicht ein „Museum des Kapitalismus“, aber ein vergleichbares Museum gegründet hat (Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien), in dem die Leute anhand anschaulicher Grafiken – er hat dort mit Künstlern aus der Neuen Sachlichkeit zusammengearbeitet, die wiederum aus dem rätekommunistischen Milieu stammen, Gerd Arntz zum Beispiel, berühmt für seine Holzschnitte – sich wirtschaftliche Prozesse in einer antagonistischen Gesellschaft klar machen konnten. Er hat da diese Aufklärungsarbeit gemacht, die sich, das kann man schon sagen, bis hin zu aktuellen Projekten wie hier das Museum fortzieht. Also, es ist ein bemerkenswerter Typ, der als Wissenschaftler auch politisch tätig war. Neurath war in der Münchener Räterepublik aktiv und hat dort ganz konkret versucht, die Ideen von Popper umzusetzen, aus ihnen Handlungsvorschriften für den Wirtschaftsrat zu machen. Als er später in Wien, im roten Wien, aktiv war, hat er sich immer darum bemüht, die Idee zu propagieren, dass es einen großen ökonomischen Bereich gibt, der vom revolutionären Proletariat kontrolliert wird, der naturalwirtschaftlich organisiert ist, und dieser Bereich wird im Laufe der Ausdehnung der Diktatur des Proletariats immer größer, bis wir letztendlich zu einer vollkommenen Naturalwirtschaft, das heißt also einer Gesellschaft ohne Tausch- und ohne Geldbeziehungen, gelangen. Es existiert durchaus dieser Riemen zwischen den verschiedenen Generationen der Theoretiker.

Eine andere Spur legt uns Karl Korsch. Der hat als Resümee seiner Untersuchungen in der Sozialisierungskommission eine kleine Schrift vorgelegt hat, die „Was ist Sozialisierung“ heißt und 1919 erschienen ist und die ein Meilenstein seiner eigenen Radikalisierung ist. Korsch verkörpert den seltenen Fall, dass jemand aus einer bürgerlichen Reformbewegung kommt und in sehr sehr kurzer Zeit immer weiter nach links rückt, also SPD, USPD, KPD, dann wird er da rausgeschmissen, ist eine Zeitlang so etwas wie so ein Ultraleninist, dann endet er eigentlich im Anarchismus/ Rätekommunismus. Er hat Sozialismus definiert, ganz knapp, als Wirtschaftsordnung, welche den gesellschaftlichen Vorgang der Produktion als eine öffentliche Angelegenheit der produzierenden und konsumierenden Gesamtheit betrachtet. Da kann man sich drei Begriffe unterstreichen. Erstmal – er spricht explizit vom gesellschaftlichen Vorgang der Produktion. Was beim Privateigentum an Produktionsmitteln keine Selbstverständlichkeit ist. Dort gilt ja gerade, dass die Produktion der Gesellschaft enthoben ist: Nur auf dem Markt durch die, wie hieß das gleich?, die Endnachfragerinformation der freien Preisbildung ereignet sich so etwas wie Gesellschaftlichkeit. Er hält dagegen: Nein, es ist gesellschaftliche Produktion! Das Zweite, was man unterstreichen kann, ist die öffentliche Angelegenheit. Das heißt, dass der gesellschaftliche Vorgang der Produktion von der Gesellschaft selber kontrolliert werden muss. Und, drittens, Korsch sieht einen Widerspruch zwischen dem produzierenden und dem konsumierenden Teil der Gesellschaft. Seine Befürchtung war nämlich, dass, je nachdem was man innerhalb der Sozialisierung mehr betont: die produzierende oder die konsumierende Seite, dass das (und da ist er sich mit seinen Begriffen noch nicht sicher) zu neuen Kapitalismen führt. Es ist alles nicht besonders Marx-fundiert, Korsch spricht vom Produzentenkapitalismus, vom Konsumentenkapitalismus – sehr eigentümliche Wortwahl. Er meint aber damit: Je nachdem, was man verabsolutiert, die Produktionsseite oder die Konsumseite, schafft man Sonderinteressen; Sonderinteressen, die sich gegen einen anderen Teil der Gesellschaft verwirklichen. Also ganz einfach, wenn ich mehr Qualität am Arbeitsplatz möchte, ich möchte weniger arbeiten und vor allen Dingen nicht so malochen, dann bringt das bestimmte Opportunitätskosten mit sich – das ist so ein BWL-Begriff, den musste ich selber nachschlagen: das ist der entgangene Nutzen einer nicht gewählten oder nicht realisierbaren Handlungsalternative. Also, mehr Arbeitsplatzqualität impliziert als Opportunitätskosten Konsumverzicht. Ich arbeite nur vier Stunden, nicht acht, es wird also weniger produziert. Umgekehrt umgekehrt. Wenn unser Anspruch ist, wir möchten gerne dieses und jenes, Komfort und viel Konsum, also wenn wir einen Konsumentenstandpunkt stark machen, dann heißt das, es muss dementsprechend mehr gearbeitet werden. Korsch entwickelt nun ein recht komplexes Modell, in dem die gesellschaftlichen Interessen gegenseitig balanchiert werden und das Mittel der Balance ist die Räteherrschaft, aber er bleibt an dieser Stelle vage. Es gibt einen Anspruch der Gesellschaft an die Produktion – der wäre, nach Josef Popper, die allgemeine Nährpflicht, die Aggregierung, um es mal kompliziert auszudrücken, kollektiver Bedürfnisse. Und auf der anderen Seite muss es die Möglichkeit geben, dass die Leute, die das alles herstellen, immer auch ihr Interesse, nämlich an Arbeitszeitverkürzung, an Arbeitsverhältnissen, die einen nicht krank machen, die einen nicht entfremden, artikulieren können und dass dadurch ein Gleichgewicht aus gesellschaftlichem Interesse und jeweiligen Sonderinteressen, betrieblichen Sonderinteressen, entsteht. Korsch sagt:

So besteht also die „Sozialisierung“, die „Vergesellschaftung“ der Produktionsmittel, aus zweierlei einander zur Herbeiführung wahren Gemeineigentums ergänzenden Umgestaltungen der privatkapitalistischen Produktionsweise: Aus der Überleitung der Produktionsmittel aus der Machtsphäre einzelner Privateigentümer in die Machtsphäre [jetzt wird’s vage] irgendwelcher gesellschaftlicher Funktionäre, und aus der öffentlich-rechtlichen Einschränkung der Machtbefugnisse der nunmehrigen Leiter der gesellschaftlichen Produktion im Interesse der Gesamtheit.

Die Interessen müssen sich aneinander relativieren, und die Aufgabe der Räte ist es, diese Relativierung, diesen Abgleich immer wieder vorzunehmen. Die Frage ist natürlich, ich hab’s mir hier unterstrichen, er spricht von „irgendwelchen gesellschaftlichen Funktionären“, auch Korsch ist in vielen Sachen vage. Jetzt sind wir eigentlich schon bei den „Grundprinzipien“. Die haben alles, was ich bis hier erzählt habe, im Nacken, ihre Autoren kennen das alles und formulieren im Kern eine unausgesprochene, immanente Kritik an diesen Vorstellungen und rekurrieren für diese Kritik zum ersten Mal in der gesamten Sozialisierungsdebatte ausgiebig auf Ideen von Marx und Engels. Ich hatte ja vorhin dieses Zitat von dieses Zitat Robert Wilbrandt, einem nicht-marxistischen bürgerlichen Sozialisten vorgelesen. Er sagte, man kann Sozialist nur sein, wenn man nicht Marxist ist. Und auch Korsch ist ja 1919 noch nicht der Marxist, der er dann ein paar Jahre später ist.

Die „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“ sind im Kern 1923 bis 1925 geschrieben worden und zwar im Knast. Von einem Arbeiter, der an der Rätebewegung teilgenommen hat und wilde Sachen gemacht hat: Jan Appel. Er hat ein Schiff entführt zusammen mit dem Schriftsteller Franz Jung, 1920, um mit Lenin zu diskutieren. Es fand ja noch der russische Bürgerkrieg statt, man konnte nicht einfach durch das deutsche Reich und Polen zur Sowjetunion, deshalb die Schiffsentführung, sie sind mit dem Dampfer nach Murmansk gefahren. Das war schon mal ein Grund, nach ihm steckbrieflich zu fahnden und der andere war, dass er sich, als die Rätebewegung schon im Zerfall war, 1921, ‘22, einer Gruppe bewaffneter Arbeiter angeschlossen hat, die Raubüberfälle begangen haben, denen ging es wirklich um Verpflegung. Ein Draufgängertyp, eine faszinierende Gestalt, man könnte einen ganzen Abend nur über Jan Appel machen, gleichzeitig aber jemand, dem die schon mehrfache Erwähnung seines Namens extrem aufstoßen würde. Der Jan Appel ist, vielleicht mehr als jeder andere tekommunist, der exemplarische Vertreter des Kollektivgedankens und hat sich äußerst unwohl gefühlt, wenn man ihn irgendwie herausstreichen wollte. Der sitzt also 1923 im Knast, arbeitet dort die „Kapital“-Bände durch und kommt auf die Idee, dass eigentlich das „Kapital“ die ganze Zeit auch über den Kommunismus spricht. Er hat, als er aus dem Knast rauskommt, den fertigen Rohentwurf dieser „Grundprinzipien“ in der Tasche. In Deutschland gibt es für ihn keine Zukunft: Er steht auf schwarzen Listen, es gibt Fememorde von ehemaligen Freikorpsleuten an Arbeiteraktivisten, er hat in Deutschland keine Perspektive, also wird er Migrant, geht in die Niederlande. Viele Arbeitsmigranten aus Deutschland in den Niederlanden sind eigentlich linke Kommunisten, Appel kommt dort ebenfalls mit Linken oder mit Rätekommunisten zusammen, u.a. mit einem zu dem Zeitpunkt bereits ehemaligen Arbeiter namens Henk Canne Meijer, der ziemlich gut Deutsch spricht. Überhaupt ist es eine Selbstverständlichkeit damals, in den Niederlanden Deutsch zu sprechen, es gibt da keine großen Sprachschwierigkeiten. Dieser Henk Canne Meijer ist wohl derjenige, der sich mit der ganzen Sozialisierungsliteratur extrem gut auskennt und sein Wissen einbringt. Die beiden zusammen machen also aus Appels Rohrentwurf die „Grundprinzipien“, die wir kennen. 1928, glaube ich, erscheinen sie das erste Mal auf Niederländisch, 1930 dann die deutsche Übersetzung, 1931 erscheint eine wichtige Kurzfassung, die sogenannten „Ausgangspunkte“, die sich nicht in der Neuübersetzung von Hermann Lueer finden, da muss man dann auf die alte Nachkriegsausgabe zurückgreifen von 1970. 1935 gibt es eine ausgiebig überarbeitete und inhaltlich, muss man ehrlicherweise sagen, interessantere zweite Auflage, die vor zwei Jahren Hermann Lueer übersetzt und neu herausgegeben hat. Für mein Rätekommunismus-Buch kam die ein bisschen zu spät. Da war das Kapitel schon geschrieben, und ich konnte die Neuübersetzung nur kursorisch einfließen lassen. Nur so viel zu dem Zusammenhang, dass es sich bei den „Grundprinzipien“ um eine Schrift aus der Rätebewegung, vom radikalen Flügel der Rätebewegung handelt.

Der Ausgangspunkt der Schrift – da bin ich jetzt nicht so stark darauf eingegangen, weil das ja alles schon Geschichte ist, damals aber der dringliche Diskurs war – ist die Situation in der Sowjetunion. So wird die Schrift von der GIK (der Gruppe Internationale Kommunisten) eingeführt mit dem Satz,

So vollzog sich in Russland eine gewaltige Konzentration der Produktivkräfte, wie es kein anderes Land kennt. [Gemeint ist 1925/26.] [Und jetzt kommt der entscheidende Satz.] Wehe dem Proletariat, das gegen solchen Machtapparat den Kampf aufnehmen muss. Und doch ist dieses nun Wirklichkeit geworden. Es besteht kein Zweifel. Der russische Arbeiter ist Lohnarbeiter, er wird ausgebeutet. Und er wird um seinen Lohn kämpfen müssen gegen den mächtigsten Apparat, den die Welt kennt.

Diese Spannung, die bei diesem Popper drinsteckt, die bei Karl Korsch drinsteckt, nämlich: Wie verhält sich das Interesse des Individuums zu dem der Gesellschaft; wie verhält sich das Interesse eines Betriebs und seiner Belegschaft zum gesamtgesellschaftlichen Konsuminteresse?, taucht in den „Grunprinzipien“ wieder auf, ausgedrückt in der Frage: Wie ist das Verhältnis des Arbeiters, der Arbeiterin, des Betriebs (die Autoren gehen von immer noch existierenden Betrieben aus) zur Zentralgewalt des Staates, der sich in Russland ein Arbeiterstaat nennt? Die Antwort ist schon gefallen, es ist ein negatives Verhältnis. Die Zentralgewalt, der Staat hält die Produktionsmittel in Besitz und hat damit die Kontrolle über die Produktivkraft Arbeit, über die Arbeiter. Welchen Anteil der Einzelne am Produkt hat, bestimmt die Leitung, das Verhältnis geht von „oben“ nach „unten“. Die Frage ist, gibt es dagegen die Möglichkeit, das Verhältnis von abstrakten, zentralen, grundlegenden Elementen einer Gesellschaft und den Interessen des Einzelnen präzise so zu klären, dass ihre Konsequenz nicht auf staatliche Vermittlung hinausläuft? Nochmal zur Erinnerung, der Korsch, der sich ja schon so viele Gedanken gemacht hat, der spricht einfach nur von „irgendwelchen gesellschaftlichen Funktionären“! Man muss aber präzise fragen: Was verhindert die Verselbständigung eines Rates zu einem neuen Staatsorgan? Bei allem Kredit, den die Linke im Westen der Sowjetunion zu geben bereit war, wegen der Widrigkeiten, die mit dem Bürgerkrieg verbunden waren, ist das ja so erlebt worden, dass es diese Verselbständigung gegeben hat und sie nicht nur ein Produkt äußerlichen Zwangs war. Sie würde also nicht wieder aufhören, wenn der äußerliche Zwang, etwa der Bürgerkrieg, die Bedrohung durch die Interventionsmächte wegfällt, sondern sie folgt einer inneren Logik. Wie kann man diese innere Logik durchbrechen? Das ist im Grunde genommen die ganze Anstrengung, der ganze Impetus, der in dieser Schrift steckt. Die Autoren gehen häufig auf Zitate von Marx und Engels ein, entdecken deren Bemerkungen von der freien Assoziation der Produzenten und sagen im Gegensatz zum gesamten kommunistischen und sozialistischen Mainstream ihrer Zeit: Marx war Assoziationist, das ist mein Wort, oder jedenfalls war er kein Zentralist: Er geht nicht davon aus, dass es eine zentrale Verwaltung mit Durchsetzungsbefugnissen, eine zentrale Verrechnung gesellschaftlicher Bedürfnisse gibt. Kurz – Appel und Canne Meijer entdecken bei Marx, dass es schon zu einem frühen Zeitpunkt der Revolution eigentlich keinen Staat mehr geben wird.

Aber worin hätte diese Assoziation – mal ein bisschen philosophisch gesprochen – ihr fundamentum in re, also das reale Fundament eines abstrakten Allgemeinbegriffes. Was wäre das denn? Das ist die Zeit, genauer: die Arbeitsstunde! Ich werde jetzt einen schnellen Durchgang machen, rein die Thesen dieser Schrift vorstellen. Grundlage der Assoziation ist das exakte Verhältnis der Produzenten zum Produkt, und das exakte Verhältnis lässt sich nur zeitlich feststellen: Wie viel Arbeit auf etwas verwendet wurde ausgedrückt in der Dauer der verausgabten Arbeit. Diese Rechnung siedeln sie auf der betrieblichen Ebene an. Daran knüpfen sich viele Fragen: An den „Grundprinzipien“ wurde schon früher kritisiert, dass sie sich die Gesellschaft denken, wie sie jetzt ist, aber unter Räteherrschaft. Alles ist so, wie wir es kennen, nur es gibt halt den Reichstag nicht mehr, es gibt Jeff Bezos nicht mehr. Die „Grundprinzipien“ gehen also davon aus, dass Betriebe weiter existieren werden. Die Frage kann man ja schon mal stellen, ob es so etwas wie die Betriebsform am Ende einer Revolution oder eines Klassenkampfes überhaupt noch gäbe! Aber okay, ist eine andere Diskussion. Wieder zurück: Jeder Betrieb hat für seine Produkte eine Selbstkostenrechnung in Arbeitsstunden anzustellen. No big News! Das ist exakt das, was heute schon stattfindet. Das ist überhaupt eine große Stärke dieser GIK-Schrift, dass sie sich der Rationalität der kapitalistischen Produktionsweise stellt. Wir sind ja heute so gepolt, dass diese Reationalität für uns Ideologie ist, bloß Verschleierung der Ausbeutung, Unterdrückung und Kontrolle. Aber Appel und Canne Meijer sagen: Moment!, es handelt sich bei den Größen wie konstantes und variables Kapital und Mehrwert um reale gesellschaftliche Größen. Sie sind nicht nur eine sinistre Erfindung des Kapitals, sondern dahinter verbergen sich reale gesellschaftliche Vorgänge, die man auch außerhalb der und ohne die Kapitalform betrachten und dann auch anwenden und mit ihnen operieren kann. Und diese Selbstkostenrechnung in Arbeitsstunden, die gibt es, das ist jedem bekannt, der arbeitet, sie ist eines der zentralen Elemente der innerbetrieblichen Herrschaft. Heute nennt sich das zum Beispiel Kostenstellenberechnung: Abteilungen eines Betriebs stellen sich mehr oder weniger fiktive Rechnungen untereinander. Es fließen keine realen Geldströme, aber man man tut so, als würde man die Arbeitsleistung einer Abteilung exakt beziffern – in Geld –, um sie einer anderen Abteilung, die die Arbeit der besagten Abteilung oder ihre Teilprodukte in Anspruch nimmt, in Rechnung zu stellen. Dadurch kann das Management kontrollieren, wie viel Zeit geflossen ist, welchen Kapitaleinsatz es gegeben hat und so weiter und so fort. Die interne Kontrolle in einem größeren Betrieb läuft schon nach dem Muster einer Zeitrechnung und einer Materialrechnung. Vielleicht macht man es sich zu einfach, wenn man sagt, wir knüpfen direkt daran an; wir bedienen uns dieser ganzen Elemente, die die BWL bereits entwickelt hat, oder die ökonomische Organisationstheorie, und stellen sie in einen Kontext, in dem es nicht mehr um Wertproduktion geht, um die Ausbeutung unserer Arbeitskraft oder präziser: um Konkurrenz um die effektivste Ausbeutung unserer Arbeitskraft. Man würde dann schon sehen, okay, es fallen wahrscheinlich schon viele Organisationsprinzipien weg, die einen reinen Kontrollcharakter haben. Ein paar bleiben vielleicht übrig, wie etwa die Selbstkostenrechnung. Jedenfalls schlagen die „Grundprinzipien“ erst mal durchaus methodisch stur vor, von dieser auszugehen. Sie gehen aber noch einen Schritt weiter und schlagen vor, das gesamte Inventar, Maschinen, Gebäude wiederum auf eine Arbeitsstundenrechnung zurückzuführen. Weil das Inventar natürlich irgendwann ebenfalls produziert wurde, was sich wiederum in Zeit ausdrücken lässt.

Daraus ergibt sich ein Durchschnittswert, ein Durchschnittskostenwert in Arbeitszeit, der gesamtgesellschaftlich ist. Dieser Durchschnittswert ermöglicht einen Ausgleich zwischen „überdurchschnittlichen“ und „unterdurchschnittlichen“ Betrieben. Am Ende einer Rechnungsperiode, nach einem Jahr oder nach einem Monat, sind vorhanden: Produkte im Wert von X Arbeitsstunden und demgegenüber in Arbeitsstunden gezählte Ansprüche der Gesellschaftsmitglieder. Das heißt also, wir kriegen … ja, das wäre jetzt das alte Vokabular: etwas ausbezahlt?! Nein. Wir haben eine durch die geleistete Arbeit, deren Verausgabung transparent ist, Übersicht über die Ansprüche, die wir gegenüber (anderen) Gütern erheben können. Es gibt tatsächlich so etwas wie Stundenscheine, übrigens eine sehr alte Idee aus der Arbeiterbewegung, zu der Marx ambivalente Gefühle hatte. Eigentlich ist er ein Kritiker dieser Arbeitsstundenzettel, weil er die Gefahr sieht, dass daraus wieder Kapital wird, so seine Kritik an Proudhon, der ähnliche Ideen hatte. Andererseits aber seufzt Marx und sagt: ja, meinetwegen. Da blitzt so eine Lakonie durch.

Die „Grundprinzipien“ haben auch diejenigen Betriebe im Blick – und das sind eigentlich die wichtigsten und die interessantesten; die, die immer wichtiger werden –, die kein sachliches Produkt herstellen. Das sind die AGA-Betriebe, Betriebe Allgemeiner Gesellschaftlicher Arbeit. Dazu zählen die Verwaltung, Schulen, die werden interessanterweise auch betriebsförmig gedacht, Kranken- und Altenfürsorge, der gesamte Bereich unserer Reproduktion. Sicherlich auch Museen, sagen wir: der gesamte kulturelle Bereich. Die AGA-Betriebe werden von den Produkten anderer Betriebe gestützt, sodass ein jeder Arbeiter im Produktionsbetrieb ein Teil seiner Produkte an eine Arbeiterin in einem AGA-Betrieb abgeben muss. Das ist der erste Abzug von der Arbeitsstunde. Es gibt noch einen zweiten Abzug, das ist der allgemeine gesellschaftliche Akkumulationsfonds. Die Gesellschaft muss natürlich Sorge tragen, dass verschlissene Güter ersetzt werden, es muss ein Reservestock angelegt werden. Das muss mit dem Arbeitsstundenfond der gesamten Gesellschaft verrechnet werden. Auch das ist kein neuer Gedanke, das festzuhalten war Appel und Canne Meijer wichtig! Es gibt nämlich eine längere, später recht berühmt gewordene Passage aus den „Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ von Marx, wo er gegen die Leute polemisiert, die davon ausgehen, dass der gesamte Arbeitsertrag eines Betriebes an die Arbeiter zurückfließen müsse. So etwa: Alles das, was die Arbeiter herstellen, gehört ihnen auch. Das war damals eine Forderung der Sozialdemokratie. Marx sagt, da müssen wir mal genauer hingucken, für ihn war das eine spinnerte Idee, die auf Leute wie Proudhon oder andere sogenannte Frühsozialisten zurückgeht. Marx erinnert daran, um was wir uns alles kümmern müssen. Wir müssen die verbrauchten Produktionsmittel ersetzen. Wir müssen die Produktion eigentlich immer weiter ausdehnen, er geht schon davon aus, dass Akkumulation notwendig ist, nämlich um drittens sich gegen Missernten, gegen Naturkatastrophen, was auch immer … gegen Pandemien, die werden uns vielleicht auch im Kommunismus noch eine Zeitlang begleiten, zu versichern. Diese Abzüge vom „unverkürzten Arbeitsertrag“ sind eine ökonomische Notwendigkeit, ihre Größe ist zu bestimmen nach vorhandenen Mitteln und Kräften, zum Teil durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen, aber sie sind in keiner Weise aus der Gerechtigkeit kalkulierbar, aus einem diffusen Gefühl der Arbeiter, das gehört doch alles uns, was wir produziert haben, muss auch wieder zurückfließen zu uns. Aber nein, Kommunismus ist vielmehr Ausdruck einer Soziokratie, das ist die Herrschaft der Gesellschaft über sich selbst, es ist fast ein sich aufhebender Begriff. Dahinter steckt eine Abgrenzung vom Produzenten-Syndikalismus. Marx hat noch andere Sachen im Kopf: Es muss ein Fond für Arbeitsunfähige eingerichtet werden, er denkt auch an Schulen, Gesundheitsvorrichtungen und so weiter. Erst wenn das alles geleistet ist, wenn die Gesellschaft zu ihrem Recht gekommen ist, kommen wir zu der Verteilung, die das Programm der damaligen Sozialdemokratie bornierterweise alleine ins Auge fast, der Konsumtionsmittel, die unter den individuellen Produzenten der Genossenschaften verteilt werden. Marx notiert:

Der „unverkürzte Arbeitsertrag“ hat sich unterderhand bereits in den „verkürzten“ verwandelt, obgleich, was dem Produzenten in seiner Eigenschaft als Privatindividuum entgeht, ihm direkt oder indirekt in seiner Eigenschaft als Gesellschaftsglied zugute kommt.

Das ist hochinteressant, denn was er damit sagt: Der Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft löst sich auf, diese ganzen Abzüge gehen ja nicht mehr an eine Macht, die uns kontrolliert und die uns nur produktiv – produktiv im Sinne einer immer weiter voranschreitenden Ausbeutung unserer Arbeitskraft – einsetzen wird, sondern hier stimmt der Spruch zur Abwechslung mal: Was wir tun, tun wir für die Gesellschaft; wir sind alle Teil dieser Gesellschaft, also tun wir das für uns.

An diesem Schema orientieren sich die „Grundprinzipien“ unausgesprochen ausgesprochen. So weit ich weiß, standen Appel zu Beginn seiner Auseinandersetzung die „Randglossen“ gar nicht zur Verfügung. Man muss sich vor Augen führen, dass die Schriften von Marx gar nicht so breit zirkulierten, wie das uns heute selbstverständlich ist. Es war relativ schwer an die Quellen heranzukommen. Offensichtlich haben sie diese Randglossen relativ spät in ihrem Arbeitsprozess gelesen und sich darin wiedererkannt. Der Unterschied zu Marx ist, dass sie das, was bei Marx unbestimmt bleibt – was sind denn die Mechanismen, die nicht zentralstaatlich sind, die bewerkstelligen, dass es zu diesen Abzügen kommt und alles so transparent funktioniert, dass keiner die Erfahrung macht, wieder einem Apparat ausgeliefert zu sein, der nach Gutdünken sein Klientel versorgt oder eben nicht? –, genau fassen. Es ist die Arbeitszeitrechnung, auf die sich alle einigen können, weil sie für alle gilt, allen einsichtig ist.

Im Verständnis der „Grundprinzipien“ liegt vielleicht hierin die größte Hürde: Das ist die Berechnung des FIK, des Faktors Individueller Konsum. Indem das nach den Abzügen übrigbleibende Produkt, in Arbeitsstunden gemessen, in Beziehung gesetzt wird zu der Anzahl der Arbeitsstundenscheine, die für uns Genossen ausgegeben werden, wird der Faktor ausgerechnet. Dieser Faktor, der allen einsehbar ist, allen transparent, zeigt an, wie viel Produkte die Arbeiterin für eine Stunde wirkliche Arbeit bekommen kann. Diese Verrechnung läuft über eine Zentralbehörde, der Anspruch der institutionellen Zentralität ist also durchaus vorhanden. Diese Behörde verrechnet aber nur, legt nicht fest! Sie hat keinerlei exekutive Gewalt. Man kann auch sagen: Diese Behörde ist eine Art öffentlicher Computer.

Am Schluss einer Rechnungsperiode geben die AGA-Betriebe an, welcher Produktionsmittel sie bedürfen. Die Betriebe geben an, was sie zur Akkumulation benötigen. Die Ziele der Akkumulation werden von den ökonomischen Kongressen der Betriebsräte festgelegt – und da haben zeitgenössische Kritiker sofort aufgemerkt. Moment, ökonomische Kongresse der Betriebsräte! Da habt ihr doch einen Moment der Zentralisation, da kommt ja wieder eine überbetriebliche institutionelle Organisation hinein, die den Wirtschaftsplan des nächsten Jahres festlegt. Darüber können wir uns später streiten, ob das tatsächlich schon wieder der Ausgangspunkt für verselbstständigte staatliche Herrschaft wäre. Hier nur einige einschlägige Zitate oder Aussprüche von Marx, die finden sich alle in den „Kapital“-Bänden. Marx ist ja auf der einen Seite unglaublich penibel, auch teilweise so ganz korinthenkackerisch, ganz eng am Stoff, um dem Kapital auf die Schliche zu kommen, aber bei der Bestimmung des Kommunismus mag er es gerne lakonisch und schreibt ein bisschen wurschtig. Ich denke, das hat er ganz bewusst getan. Da sagt er:

Die Sache reduziert sich einfach darauf, dass die Gesellschaft berechnen muss, wieviel Arbeit sie verwenden kann … Oder: Nur wo die Produktion unter wirklicher vorherbestimmender Kontrolle der Gesellschaft steht, schafft die Gesellschaft den Zusammenhang zwischen dem Umfang der gesellschaftlichen Arbeitszeit, verwandt auf die Produktion bestimmter Artikel, und dem Umfang des durch diese Artikel zu befriedigenden gesellschaftlichen Bedürfnisses. Oder: Die Gesellschaft verteilt Arbeitskraft und Produktionsmittel in die verschiedenen Geschäftszweige. Die Produzenten mögen meinetwegen papierene Anweisungen erhalten, wofür sie den gesellschaftlichen Konsumtionsvorräten ein ihrer Arbeitszeit entsprechendes Quantum entziehen. Diese Anweisungen sind kein Geld. Sie zirkulieren nicht.

Woran sich die Kritiker gerieben haben: Was ist denn „die Gesellschaft“? Wie artikuliert sich „die Gesellschaft“? Wo findet „die Gesellschaft“ ihre innere Einheit, wenn man nicht auf vorpolitische oder anthropologische Größen rekurrieren möchte – wie die faszinierenden anarchistischen Versuche etwa vom Fürsten Kropotkin, die die kommunistische Gesellschaft in einen evolutionsbiologischen … hätte ich jetzt fast gesagt, aber vielleicht ist es auch so gemeint … einen anthropologischen Rahmen betten, dass eine real existierende gegenseitige Hilfe der Menschen und überhaupt des ganzen Lebens auf der Welt existiert. Womit ich nicht sagen möchte, dass das Quatsch ist, dass es das nicht gibt. Der Letzte, der, wie ich finde, auf eine charmante Weise so einen anthropologisch-anarchistischen Entwurf vorgelegt hat, war David Graeber, der vor anderthalb Jahren verstorbene Anarchist. Der hat ja gesagt, eigentlich gibt es den Kommunismus schon! Überlegen wir doch mal, so Graeber, wo wir im Alltag nicht berechnend und spontan solidarisch handeln; gucken wir uns doch mal an, was passiert, wenn die Leute auf die Barrikaden gehen, wenn sie autonome Zonen ausrufen und so weiter. Wir erleben eigentlich immer, dass in solchen Momenten so ein spontaner Kommunismus entsteht. Ich will diesen anarchistischen Gedanken gar nicht bestreiten. Aber das ist eine ganz andere Diskussion, die „Grundprinzipien“ verbieten sich solche allgemeinen Spekulationen. Es ist eine nüchterne, trockene Schrift, die ganz eng entlang dieser Idee geht: Was die Gesellschaft im Inneren zusammenhält, ist die Arbeit – die Arbeit, die sie zur Reproduktion benötigt. Und die lässt sich in Zeit messen. Aus dieser Zeitmessung, dieser abstrakten Arbeitsstunde, lässt sich ein Prinzip gewinnen, das eine allen einsichtige Verteilung der Arbeit ermöglicht. Ist diese Verteilung der Arbeit allen einsichtig, dann ist es, das ist immer mitgedacht, gleichzeitig möglich zu sagen: Moment mal, das wollen wir aber nicht mehr. Zum Beispiel Produktion von Luxuslimousinen, so einen kommunistischen Porsche, da ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass man sich diese Art der Arbeit, die Herstellung von Sportwagen, einfach sparen wird. Fetischisierung von Arbeit, von eingesetzter Arbeit, soll durch diese Transparenz und durch diesen eindeutigen Bezug auf die abstrakte Arbeitsstunde entzaubert werden.

Interessanterweise gab es in der DDR einen Widerhall dieser Schrift und zwar im Werk des Ökonomen Fritz Behrens (1909-1980). Der hat offensichtlich diese Holländer-Schrift gekannt. Biografisch liegt das durchaus nahe, weil Behrens nämlich nicht aus einer strengen KPD-Schulung kam, wo diese Sachen bestimmt nicht gelesen wurden, sondern er kam aus einer der sogenannten Zwischenorganisationen, dieser Gruppen zwischen SPD und KPD, und dort fand ein sehr lebendiger theoretischer Diskurs statt, was dafür spricht, dass er die „Grundprinzipien“ über diese Gruppen irgendwie mitbekommen hat. Thomas Kuczynski, der ja immer noch aktiv ist, hat über ihn eine biografische Skizze geschrieben, Kuczynski war Wirtschaftshistoriker in der DDR, kannte wohl auch noch den Behrens und spricht offen davon, dass dieser eigentlich ein Rätekommunist war, natürlich undercover. Behrens balancierte in den 1950er und 60er Jahren in der DDR zwischen höchster Anerkennung und drakonischer Verurteilung. Die DDR verfolgte in den 60er Jahren die Idee, ein System zu installieren, das nannte sich „Neues Ökonomisches System der Planung und Leitung“, das sich dieser Spannung „Einzelbetrieb / gesellschaftliche Interessen“ stellt, bis hin zu Fragen der Arbeitsmotivation eines jeden Arbeiters. Man experimentierte damals viel, interessierte sich für Kybernetik, so eine Frühform der Digitalisierung. Er lief darauf hinaus, dass die Betriebe in den 60er Jahren in der DDR größere Freiheiten im Wirtschaften bekamen. Was in der Form sicherlich und viel früher dazu geführt hätte, dass sich kapitalistische Strukturen wieder etabliert hätten. Deswegen – auch deswegen ist dieses Experiment der Wirtschaftsreform abgebrochen worden, ziemlich abrupt. Leute wie Behrens, die an diesen Reformen aktiv beteiligt waren, gerieten in die Mühlen der Bürokratie – gestern noch der gefeierte Reformökonom, heute schon Konterrevolutionär. Persönlich war das für die Leute immer wahnsinnig dramatisch und demütigend. Schon früh, in den 1950er Jahren, wertete Behrens die „Grundrisse“ von Marx aus und versuchte in seinen Memoranden und Studien auf die radikale Anwendung des Prinzips der Ökonomie der Zeit in der Planwirtschaft der DDR hinzuarbeiten. Genau das, was die „Grundprinzipien“ der Holländer auch wollen, eine Anwendung das Prinzips der Ökonomie der Zeit. Ein Zitat über Behrens: Die Auffassung, dass das Proletariat sich selbst Führer sei, hatte auch mehr oder minder ausgesprochen, so Kuczynski, Behrens’ frühen Reformkonzepten zugrunde gelegen, so etwa als er 1956 feststellte, dass die, Zitat, metaphysische Trennung von Spontanität und Bewusstsein für die Planwirtschaft im Grunde nichts anderes bedeutet als eine Verneinung der Rolle der Massen, Zitat Ende.

Das ist, wie ich finde, ein genuin rätekommunistischer Gedanke, der in den „Grundprinzipien“ ausformuliert wurde: das Zusammenwirken von Spontanität und Bewusstsein in der Planwirtschaft. Behrens rätekommunistischer Impuls wird auch daran deutlich, dass er, absolut ungewöhnlich für einen dissidenten Marxisten im Ostblock, die Reformen des Prager Frühlings von links kritisierte. Man muss dazu sagen, dass das alles selbstverständlich niemals veröffentlicht und von Behrens vermutlich auch nie herumgereicht wurde. Es waren Sachen, die man nur unter großer Angst, dass sie entdeckt werden, aufschrieb. Er schreibt, 1976:

Die Ideale des Prager Frühlings, ein demokratischer Sozialismus, nicht eine sozialistische Demokratie, waren insofern reformistische, keine revolutionären Ideale, was natürlich nicht ausschließt, dass sie nur auf revolutionäre Art und Weise verwirklicht werden konnten, weil die Bürokratie, wie sich zeigte, freiwillig ohne Gewaltanwendung nicht abtritt. Sie (diese Reformen) waren eine Angelegenheit der Intelligenz und der Jugend und wurden erst, als es schon zu spät war, von den Massen aufgenommen. Deshalb muss die Hauptforderung einer auf den Sozialismus gerichteten Bewegung, der Selbstzentralismus (interessante Formulierung!) der Massen sein, die Bildung von Arbeiterräten und die Errichtung einer Rätedemokratie. Und an anderer Steller: Der Kampf um über notwendige republikanische Freiheiten hinausgehende Maßnahmen verlangt den Selbstzentralismus der Massen, der mit der Bildung von Arbeiterräten beginnt und in der Einrichtung einer Räterepublik münden muss. Die Prager Reformer aber wollten in den staatlichen Betrieben fähige Manager. (Fähige Manager – eigentlich auch das Reformideal in der DDR 1961!)

Selbstzentralismus ist ein ganz wunderbares Wort. Ich habe noch mal nachgeschaut, es stammt ursprünglich von Rosa Luxemburg, man kann es wunderbar als Schlüssel zum Verständnis der „Grundprinzipien“ verwenden. Der Exkurs zu Behrens war jetzt nicht der Sprung in die Gegenwart, aber ich wollte zeigen, dass es einen Widerhall dieser Thesen im Werk von marxistischen Einzelgängern auch in der Nachkriegszeit gegeben hat. Wir machen jetzt hier den Schnitt.

Verwendete Literatur

Hubert van den Berg, „Jan Appel – ein deutscher Rätekommunist im niederländischen Exil und Widerstand 1926-1948“, in Anarchisten gegen Hitler. Anarchisten, Anarcho-Syndikalisten, Rätekommunisten in Widerstand und Exil, herausgegeben von Andreas G. Graf, Berlin: Lukas Verlag, 2001 [http://aaap.be/Pdf/Jan-Appel/Van-Den-Berg-Jan-Appel-2001.pdf]

Gruppe Internationale Kommunisten, Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, Ausgabe von 1930, Einleitung von Paul Mattick, Berlin-Wilmersdorf: Institut für Praxis und Theorie des Rätekommunismus, 1970 [Diese Ausgabe enthält auch die wichtige, in machen Teilen kritischere und präzisere Einführungsschrift „Die Ausgangspunkte der Grundprinzipien …“ von 1931]

Gruppe Internationale Kommunisten, Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung, nach der erheblich erweiterten zweiten holländischen Ausgabe von 1935, herausgegeben und übersetzt von Hermann Lueer, Hamburg: Red & Black Book, 2020

Online-Edition, weitere Materialien und Editionsgeschichte unter: aaap.be/Pages/Theme-Period-of-transition.html

Felix Klopotek, Rätekommunismus. Geschichte – Theorie, Stuttgart: Schmetterling Verlag, 2021

Karl Korsch, Was ist Sozialisierung? Ein Programm des praktischen Sozialismus, Hannover: Das freie Wort, 1919 [archive.org/details/wasistsozialisie00kors]

Nachdrucke: Ders., Schriften zur Sozialisierung, herausgegeben und eingeleitet von Erich Gerlach, Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt, 1969

Ders., Gesamtausgabe Band 2. Rätebewegung und Klassenkampf. Schriften zur Praxis der Arbeiterbewegung 1919 – 1923, herausgegeben und eingeleitet von Michael Buckmiller, Hannover: Offizin, 1980

Thomas Kuczynski, „Fritz Behrens und seine rätekommunistische Kritik sozialistischer-Reform“, in: Wladislaw Hedeler / Mario Keßler (Hrsg.), Reformen und Reformer im Kommunismus, Hamburg, VSA, 2015 [rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/sonst_publikationen/VSA_Hedeler_Kessler_Reformen_Inhalt_RLS.pdf]

Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Marx-Engels-Werke (MEW) Band 23, 24, 25, Berlin: Dietz Verlag, 1956ff.

Karl Marx, „Kritik des Gothaer Programms. Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei“ (1875), in: MEW Bd.19, a.a.O.

Klaus Novy, Strategien der Sozialisierung. Die Diskussion der Wirtschaftsreform in der Weimarer Republik, Frankfurt/M: Campus, 1978

Josef Popper, Die allgemeine Nährpflicht als Lösung der sozialen Frage. Eingehend bearbeitet und statistisch durchgerechnet. Mit einem Nachweis der theoretischen und praktischen Wertlosigkeit der Wirtschaftslehre, Dresden: Reissner., 1912 [Popper firmiert in der Literatur auch als Popper-Lynkeus, Lynkeus war sein Pseudonym als Schriftsteller.]