Reisebericht: Zeitbanken in Barcelona Juni 2022

zeitbanken in spanien
  • العربية
  • Català
  • Cymraeg
  • Dansk
  • Deutsch
  • Ελληνικά
  • English (UK)
  • English (United States)
  • Español
  • Suomi
  • Français
  • Italiano
  • 日本語
  • Nederlands
  • Norsk nynorsk
  • Português
  • Română
  • Русский
  • Slovenčina
  • Svenska

In gewisser Weise ist die Arbeitszeitrechnung ja verwandt mit Zeitbanken oder Tauschbörsen – es gibt große Unterschiede, aber eben auch einige Gemeinsamkeiten.

Zu den Gemeinsamkeiten gehört, dass Menschen Dienstleistungen anbieten und in Anspruch nehmen können, wobei der „Wert“ der Dienste den gearbeiteten Stunden entspricht. Für eine geleistete Stunde erhält man eine Stunde auf seinem Arbeitszeitkonto. Eine Definition der Zeitbanken lautet dementsprechend: „Eine Zeitbank ist ein Instrument, mit dem eine Gruppe von Menschen eine sozialwirtschaftliche Alternative schaffen kann. In einer Zeitbank werden Fähigkeiten zwischen den Mitgliedern ausgetauscht, ohne dass Geld eingesetzt wird; es werden nur die geleisteten und erhaltenen Arbeitsstunden gezählt.“ (https://www.bdtonline.org/)

Die Unterschiede zur Arbeitszeitrechnung sind:

  • Zeitbanken bieten in der Regel keine Produkte, sondern nur Dienstleistungen an (z.B. Nachhilfe, Massagen, Musikunterricht, handwerkliche Arbeiten, etc.). Anders ausgedrückt, wird nur die lebendige Arbeit berechnet, die Kosten von Produktionsmitteln können nicht als Stunden einfließen.
  • Es nehmen kaum Betriebe teil. Es sind hauptsächlich Einzelpersonen eingeschrieben. Oft dienen Zeitbanken als Instrument der Nachbarschaftshilfe.
  • Es handelt sich um keine Planwirtschaft: Bei den Zeitbanken werden keine Pläne eingereicht.

Zeitbanken sind also unkomplizierter als die Arbeitszeitrechnung, man kann das Konzept tatsächlich in zwei Minuten erklären. Allerdings sind sie auch begrenzter: Eine ganze Wirtschaft lässt sich auf Zeitbanken vermutlich nicht aufbauen.

Ein Hotspot für Zeitbanken ist Barcelona, beziehungsweise Katalonien, wo es seit über 20 Jahren Zeitbanken gibt. Manche der der 60 bis 70 Zeitbanken in Katalonien sind aktiver als anderen. Manche haben nur eine handvoll Mitglieder, andere, wie die Zeitbank in San Cugat (http://www.bancdeltemps.santcugatentitats.net/), um die 1000. Auch die Modalitäten können je nach Standort sehr unterschiedlich sein, da es zwischen den einzelnen Banken keine hierarchische Beziehung gibt. Wie funktioniert die Registrierung? Wie sehr darf das Zeitkonto positiv oder negativ überzogen werden? Diese und weitere Fragen werden lokal entschieden.

Während die ersten Zeitbanken in Katalonien vermutlich um 1999 entstanden, reicht die Idee mindestens bis in die 1980er Jahre zurück. Wichtiger Ideengeber war der kürzlich verstorbene US-Professor Edgar Cahn (https://en.wikipedia.org/wiki/Edgar_S._Cahn) mit der Popularisierung des Konzepts der „time dollars“ und der Gründung von „TimeBanks USA“ in 1995. Weitere Impulse kamen aus Japan oder Italien. Einen temporären Aufschwung haben die Zeitbanken im Zuge der spanischen Krise 2008/2009 und den Protesten 2011 („Bewegung 15M“) erlebt. Corona bedeutet für viele Zeitbanken einen Rückschlag.

zeitbanken in spanien
Viele der Zeitbanken befinden sich in Katalonien. Quelle: https://www.bdtonline.org/

Unweit der Sagrada Familia in Barcelona gibt es ein Stadtteilzentrum, das von Freiwilligen betrieben wird. Montserrat arbeitet dort an einem Montag Abend zusammen mit zwei anderen Frauen, sie geben Kleider an Nachbarn aus, sortieren Spielzeug, nehmen einen gebrauchten Kinderwagen entgegen. Alles unentgeltlich, d.h. komplett freiwillig oder eben gegen Arbeitsstunden.

Als Montserrat hört, dass wir uns für Zeitbanken interessieren, bittet sie uns trotz aller Betriebsamkeit, Platz zu nehmen. Während sie zwischendurch Menschen aus der Nachbarschaft bedient, erklärt sie uns, wie das System der Stundenzettel noch vor einigen Jahren funktionierte: Aus einem Schrank holt sie alte Wertmarken zum Abreißen, die den Erhalt oder den Transfer von Stunden bestätigten.

Seit 2018 arbeiten die meisten Zeitbanken dagegen mit einer Open Source-App namens „TimeOverflow“ (https://www.timeoverflow.org/), deren Programmierung unter anderem von der Stadt Barcelona gefördert wurde. Überweisungen von Stunden und vieles andere funktioniert jetzt online. An ihrem Computer zeigt uns Montserrat, wie man die bestehenden GenossInnen, die Angebote und Nachfragen einsehen kann. Alle registrierte Nutzer können das Zeitkonto aller anderen Mitglieder der lokalen Zeitbank einsehen, ebenso deren Kontaktdaten und Kontobewegungen. Entsprechend muss bei Registrierung eine Datenschutzerklärung unterzeichnet werden. Lokale Administratoren können diverse Statistiken über die Zeitwirtschaft einsehen.

screenshot timeoverflow transfers
Einblick in die Kontobewegungen eines Testkontos. Quelle: https://www.timeoverflow.org/

Trotz der Webseite fällt auf, wie sehr alles in den Zeitbanken auf den persönlichen Kontakt und die konkrete Hilfe in der Nachbarschaft ausgelegt ist. So müssen interessierte GenossInnen bei allen Zeitbanken zunächst ein persönliches Gespräch und eine persönliche Registrierung vornehmen. Dies ist laut Maria Nikolopoulou, Vorsitzende des Vereins für die Entwicklung von Zeitbanken (ADBdT), Aktivistin für Zeitbanken und Mitglied der Zeitbanken von Sants und Badalona so beabsichtigt: Einerseits kann in diesem Gespräch das System besser erklärt werden und die TeilnehmerInnen zur aktiven Teilnahme und dem Einbringen ihrer Fähigkeiten motiviert werden, andererseits kann so Vertrauen geschafft werden, dass die neuen TeilnehmerInnen das Netzwerk nicht missbrauchen wollen.

formular in der zeitbank sagrada familia
Ein Registrierungsformular der Zeitbank in Sagrada Familia.

„Die Zeitbanken sind im Wesentlichen ein Netzwerk für Menschen im Stadtteil“, sagt uns Nikolopoulou. Oft ginge es darum, Menschen, deren Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt würden, in diesen Solidarökonomien zu vernetzen. „Der Zweck von Zeitbanken kann nicht sein, die versicherungspflichtige Arbeit zu ersetzen“. Eben aus diesem Grund würden normalerweise auch keine Betriebe oder Organisationen Mitglied werden.

Wie können nun aber Dienstleistungen angeboten werden, die auch Euros zu ihrer Herstellung kosten? Jeder Anbieter geht damit anders um, sagt Maria. Manche stellen die Eurokosten einfach nicht in Rechnung. Andere bitten, dass man die Eurokosten separat bezahlt: Wenn Maria eine Taxifahrt in der Zeitökonomie bucht, bezahlt sie die dem Taxifahrer einerseits die Fahrtzeit in Stunden, andererseits das Benzin in Euro. Wieder andere bitten, dass man die „Produktionsmittel“ selbst zur Verfügung stellt: In einem Kochkurs etwa können die Teilnehmer die Lebensmittel selbst mitbringen und nur die Zeit bezahlen.

Dank Montserrat, Maria und weiteren Menschen in Barcelona konnten wir einen ersten Einblick in das System der Zeitbanken erhalten. Die Unterschiede zur Arbeitszeitrechnung sind offensichtlich, doch die jahrzehntelangen Erfahrungen mit einer Zeitökonomie sowie die konkreten Nachbarschaftshilfen sind dennoch von großem Wert.

Links: